Ich werde OMA
Irgendwann im Frühjahr letzten Jahres rief mich meine Tochter an und teilte mir mit, dass ich Ende Jahr Oma werden würde.
Ich sass da, hörte zu – und war erst einmal sprachlos.
Was für eine Freude! Damit hatte ich ja wirklich nicht mehr gerechnet.
Eines war sofort klar:
Ich musste sofort etwas werkeln für dieses kleine Wesen, das es offiziell noch nicht gab.
Meine Häkelnadel glühte, und zum Üben entstanden die ersten winzigen Söckchen.
Winzig. Also wirklich lächerlich klein.
Als mein Brummbär nach Hause kam, blieb er stehen und schaute erstaunt auf meine Arbeit.
Ich strahlte übers ganze Gesicht und schrie ihn beinahe an:
ICH WERDE OMAAAAA!
Er lachte, drückte mich und freute sich ehrlich mit.
Ich hätte es am liebsten gleich überall rausposaunt – aber meine Tochter bestand darauf, noch abzuwarten.
Was ich natürlich beherzigte.
Also nach aussen hin.
Innerlich hatte ich mich längst in eine One-Woman-Baby-Manufaktur verwandelt.
Das hinderte mich jedenfalls nicht daran, weiter Babykleidung zu häkeln.
Dank YouTube konnte ich sogar einen Hoody häkeln.
Ich. Einen. Hoody.
Das Internet macht Dinge mit Menschen.
Nur: Häkeln nach Anleitung ist denkbar unpraktisch, wenn man die Arbeit zu den „Flotten Maschen“ mitnehmen will – dieser lustigen Truppe, die sich alle zwei Wochen zum Stricken, Häkeln und Quatschen trifft.
Also begann ich einfach ein Tuch zu häkeln.
Ein reines Verlegenheitsstück.
Dass genau dieses Tuch später zum Lieblingsteil meiner Tochter und meines Schwiegersohns werden würde, hätte ich niemals gedacht.
Am Nikolaustag letzten Jahres kam dann ein wunderschönes Bübchen auf die Welt.
Nein, ich werde keine Bilder posten. Auch das habe ich meiner Tochter versprochen.
Aber ihr müsst mir glauben:
Er ist wunderschön. Mit grossen, dunklen Augen.
Zum Glück hat mir meine Tochter einen digitalen Bilderrahmen geschenkt.
Der läuft jetzt im Dauerbetrieb und zeigt ausschliesslich: Baby. Baby. Baby.
Ich könnte stundenlang davor sitzen.
Um aufs Häkeln zurückzukommen:
Mein Enkel scheint die Decke zu lieben.
So sehr sogar, dass meine Tochter gleich eine zweite „geordert“ hat, die in den nächsten Tagen fertig wird.
Am 26. reise ich in die Schweiz – und nehme sie mit.
Zusätzlich hatte ich eine Patchworkdecke begonnen, mit dem Namen des kleinen Sonnenscheins darauf.
Da ich ja schon einmal eine richtig grosse Decke von Hand genäht hatte, dachte ich mir:
Mit der Nähmaschine wird das ja ein Kinderspiel.
Falsch gedacht.
Es wurde ein Fiasko.
Die Buchstaben mit Zickzackstich aufzubringen war so schwierig, dass man meinen könnte, ich hätte zum ersten Mal eine Maschine gesehen.
Und obwohl ich eine Bernina habe, sieht das Ergebnis aus, als hätte ich mit einer Tretmaschine aus dem letzten Jahrhundert gearbeitet.
Die Quadrate zusammenzunähen ging noch.
Aber Naht auf Naht zu treffen?
Ein Ding der Unmöglichkeit.
Trotzdem biss ich mich durch, legte auch noch Füllwatte dazwischen und steppte alles ab.
Ab diesem Moment eskalierte das Chaos vollständig.
Es rutschte, es verzog sich, es rumpelte – und gerade Nähte wurden zu einer sehr theoretischen Idee.
Das einzig wirklich Tolle an dieser Decke ist:
Sie ist kuschelig.
Und nun bin ich gespannt.
Sehr gespannt.
Auf den Moment, wenn meine Tochter die Decke auspackt.
Ich stelle mir vor, wie sie kurz innehält.
Wie ihr Blick über die Nähte wandert.
Wie sie versucht, freundlich zu bleiben.
Denn das Ding ist…
nun ja.
Ein unregelmässiges, leicht beleidigtes Stoffwesen.
Ein unförmiges Monster mit sehr viel Liebe drin.
Aber ich hoffe, sie sieht nicht zuerst die schiefen Buchstaben,
nicht die wandernden Nähte
und auch nicht die Stellen, an denen die Maschine offensichtlich die Kontrolle übernommen hat.
Sondern mich.
Wie ich geflucht, gelacht, aufgegeben und trotzdem weitergenäht habe.
Und falls nicht –
ist sie wenigstens kuschelig.


