Gestern wollte ich meine T-Shirts ordnen.
Wollte.
Das ist ein wichtiges Wort.
Es waren keine 300 Shirts.
Keine Textilfabrik.
Nur zwei ein halb Tablare. Je drei Stapel.
Also ein Projekt in der Kategorie: „Das macht man schnell noch.“
Depression liebt genau solche Sätze.
Von aussen betrachtet ist das ja simpel:
„Dann fang halt an.“
„Du musst nur ins Tun kommen.“
„Geh vorher kurz raus, frische Luft hilft.“
Frische Luft hilft bestimmt.
Ich stelle mir vor, wie ich einmal tief einatme und meine komplette Gehirnchemie ordnet sich neu.
Serotonin ruft: Aufräum-Alarm!
Dopamin verteilt Etiketten.
In Wirklichkeit sitze ich vor Baumwolle und fühle mich, als hätte ich eine Steuererklärung vor mir.
Das Gemeine an Depression ist nicht das Drama.
Es ist die Schwere.
Diese bleierne, unauffällige Schwere.
Ich will ja.
Ich habe sogar Motivation.
Ich habe eine To-do-App.
Ich habe Musik vorbereitet.
Ich habe mir gesagt: „Nur 20 Minuten.“
Und dann passiert… nichts.
Stattdessen passiert Folgendes:
– Ich überlege, ob ich nach Farben sortieren sollte.
– Oder nach Jahreszeiten.
– Oder nach „mag ich“ und „trage ich aus Pflichtgefühl“.
– Wieviele Malershirts brauche ich?
– Vielleicht sollte ich zuerst überlegen, ob ich nicht generell minimalistischer leben will.
– Und wenn ich schon dabei bin, könnte ich doch gleich das ganze Atelier neu denken.
Und plötzlich habe ich sehr grosse Lebenspläne –
nur kein einziges gefaltetes T-Shirt.
Prokrastination bei Depression ist übrigens kein Faulheitsbeweis.
Es ist ein Energiesparmodus.
Wie ein Handy mit 9 % Akku.
Es funktioniert noch – aber man öffnet keine unnötigen Apps.
Am Abend fragt Brummbär liebevoll:
„Hast du die Shirts gemacht?“
Ich antworte würdevoll:
„Ich war in der strategischen Vorbereitungsphase.“
Er nickt.
Er kennt mich.
Depression fühlt sich nicht an wie „Ich will nicht“.
Sie fühlt sich an wie „Ich will, aber der Motor startet nicht“.
Und von aussen ruft jemand durchs Fenster:
„Du musst nur den Schlüssel drehen!“
Ja.
Wenn ich wüsste, wo heute der Zündschlüssel liegt.
Das Ironische ist ja:
Ich bin ausgewandert.
Ich habe Häuser renoviert.
Ich habe Enkeldecken auf den letzten Drücker fertig genäht.
Ich kann Dinge.
Aber gestern?
Gestern war ein T-Shirt offenbar mein Endgegner.
Und weisst du was?
Vielleicht ist heute nur ein Tablar dran.
Oder nur ein Stapel.
Oder nur drei Shirts.
Depression mag leise sein.
Aber ich werde es irgendwann schaffen.
Und allen, die jetzt denken: man muss halt einfach machen,
denen wünsche ich einen Tag lang eine Depression
