Farbkleckse

Oder warum neue Kleider Farbkleckse magisch anziehen

Ich zieh mich nur schnell um – und mach noch kurz was

Ich kaufe selten neue Kleider.
Sehr selten.
Wenn ich also neue anhabe, dann ist das ein Ereignis.

Sauber. Ohne Farbflecken. Ohne Bastelspuren.
Noch.

Wir wollten gleich weg.
Nur kurz.
Alles bereit.

Und dann dachte ich:
Ach, ich geb den Steinen noch schnell den zweiten Anstrich zum Dotten.

Nur schnell. Ganz kurz. Ohne Umziehen. Das geht ja.

Es war ja nur Farbe. Ein bisschen. Ich passe auf.

Ich stellte mich also extra vorsichtig hin, beugte mich minimal vor, atmete flach. Ich bewegte mich langsam, wie jemand, der weiß, dass er gerade einen Fehler begeht.

Der Pinsel tropfte nicht.
Dachte ich.

Die Farbe spritzte nicht.
Dachte ich.

Der Stein rührte sich nicht.
Dachte ich.

Dann dieser Moment, dieses ganz kurze Innehalten, wenn das Gehirn schon weiß, was passiert ist, der Körper aber noch hofft.

Ein Blick nach unten.

Ein winziger Punkt, der mich herausfordernd angrinste.
Kaum sichtbar. Exakt dort, wo man ihn niemals verstecken kann.

Ich tupfte.
Schlimmer.

Ich wischte.
Noch schlimmer.

Jetzt war es kein Punkt mehr.
Jetzt war es eine Aussage.

„Ach, das sieht man kaum“,
sagt jemand der nicht das Kleid trägt.

Natürlich sieht man es.
Ich sehe es.
Alle sehen es.
Es schreit.

Der zweite Stein war übrigens perfekt.
Makellos.
Wie aus dem Lehrbuch.

Ich zog mir etwas anderes an.
Nicht neu, nicht wichtig, schon vorbelastet.

Das neue Kleid hängt jetzt im Schrank und wartet.
Auf seinen zweiten Versuch.

Und beim nächsten Mal werde ich wieder sagen:
„Ich mach das schnell noch.“

Natürlich werde ich das.

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