Die Heimreise


oder: Wie ich beinahe im Flughafen Süd verschollen wäre

Nachdem ich auf der Hinreise ja bereits das Gefühl hatte, eine eigene Netflix-Dokumentation verdient zu haben („Die Frau, die mit CPAP kämpfte“), verlief die Rückreise zunächst verdächtig reibungslos.

Verdächtig.

Ich verabschiedete mich liebevoll von Tochter und Enkel.
Meine Tochter hatte das Kind vorsorglich im Tragetuch verschnürt – vermutlich aus Angst, ich würde es blitzschnell unter den Mantel schieben und nach Teneriffa schmuggeln.
Man weiss ja nie.
Ich gebe zu, der Gedanke war da. Der Kleine ist ja wirklich ein Wonneproppen.

Es regnete in Strömen. Natürlich. Dramaturgie!
Aber ich war pünktlich am Bahnhof. Ich erwischte den richtigen Zug. Ich stieg sogar korrekt um. Und beim Umsteigen haben sich die Menschen geprügelt um mir den Koffer die Treppe hinunter zu tragen. Es gibt noch hilfsbereite Menschen jeder couleur.

An dieser Stelle hätte ich stutzig werden müssen. So viel Kompetenz auf einmal? Unheimlich.

Am Flughafen hatte ich Zeit für Shopping, Kaffee und die Suche nach der Assistenz.
Diese erschien in Form einer sehr netten Dame mit Rollstuhl und chauffierte mich standesgemäss zum Sicherheitscheck.

Hier mein bereits bekannter Hinweis, dass ich eine Prothese trage, welche pflichtbewusst piepste. Wie immer wurde ich abgetastet und zum Schluss mit dem Metalldetektor abgescannt. Meine rechte Seite gab Alarm.
Aber das durfte sie gar nicht, denn die Prothese ist links. Die Sicherheitsbeamtin und ich guckten uns in die Augen. Sie fragend, ich belustigt ungläubig.
Sie bugsierte mich hinter einen Vorhang und fragte, ob sie meinen Rock lupfen dürfe. Natürlich durfte sie. Wir fanden zu unserer Belustigung einen Diebstahlschutz des Geschäftes wo der Rock gekauft wurde.

Die nette Assistenz-Dame wartete geduldig auf mich und schob mich dann zum Gate und meldete mich an.
Ich bekam sogar einen Platz ganz vorne.
Ich fühlte mich beinahe wie eine First-Class-Diva, nur ohne Champagner und mit orthopädischem Innenleben.

In Madrid lief ebenfalls alles glatt.
Zu glatt.

Doch am Gate Richtung Teneriffa begann die Realität wieder an meiner Geduld zu knabbern.
Nicht wie üblich durfte ich als Erste einsteigen – nein, wir warteten brav, bis alle anderen Passagiere gemütlich Platz genommen hatten.
Ich nehme an, man wollte testen, wie lange ich im Rollstuhl meditativ lächeln kann.

Im Flugzeug dann die nächste kleine Überraschung:
Mein Brummbär hatte – in einem Anfall von digitaler Orientierungslosigkeit – meinen Sitzplatz nicht vorne, sondern weit hinten gebucht.
Also begab ich mich auf eine Expedition durch die Sitzreihen.
Mit elegantem Humpeln, versteht sich.
Ich fiel auf meinen Platz wie ein gefällter Mammutbaum und verbrachte den Flug dösend und philosophierend über die Sinnhaftigkeit von Sitzplatznummern.

Kurz vor Teneriffa die Durchsage:

„Wegen Nebel in Nord landen wir im Süden.“

Natürlich.
Warum einfach, wenn es auch geografisch kompliziert geht?

Brummbär wartete in Tenerife Nord.
Ich hoffte inständig, dass er, wie ein moderner Luftfahrt-Detektiv, die Flieger-App überwachte.

Im Süden angekommen wartete ich eine halbe Stunde im Flugzeug, bis alle anderen ausgestiegen waren. Da erreichte ich meinen Liebsten. Er war schon unterwegs.
Ich hatte Zeit, mein Leben zu reflektieren.

Endlich durfte ich nach vorne.
Frage der Crew:
„Können Sie Treppen steigen?“

Aber selbstverständlich. Ich bestieg die Gangway im königlichen Trippelschritt mit gepflegten Kleinstpausen und erreichte den Boden unfallfrei.
Olympiareif. Fast.

Im Bus wurde mein Koffer mit heroischer Geste hineingehievt. Zwei junge Damen mussten vom Eingangssitz weichen. Platz für die leicht lädierte Königin von Teneriffa.

Am Flughafen angekommen:
Keine Assistenz.
Nur ein Mann, der vage in Richtung Gebäude deutete.
Wie ein Orakel.
„Dort.“

Der Eingang leer. Alle anderen verschwunden.
Ein Schild: „Ausgang / Gepäck“.

Ich ging hinein.

Vor mir ein Gang.
Nicht einfach ein Gang.
Ein Monument.
Eine architektonische Prüfung.
Eine Pilgerstrecke.

Vor mir verschwanden die letzten Mitreisenden.
Hinter mir: schreiende Stille.

Ich fluchte leise und begann meinen Marsch.
Ich weiss nicht mehr, wie oft ich stehen bleiben musste.
Ich schaute immer wieder nach hinten, vielleicht würde eine gelb gekleidete Assistenzperson mit Rollstuhl wie eine Erscheinung auftauchen.

Nichts.
Kein Engel.
Nur ich.
Und der Gang.

Ich war kurz davor, mich dramatisch an die Wand zu lehnen und in Zeitlupe zu Boden zu sinken, wütend meine Fäuste auf den Linolboden zu hämmern und zu schreien. Aber mir fehlte auch dazu die Energie. Ich fühlte, wie sich meine Augen mit Wasser füllten. Ich schluckte und schlurfte weiter.
Unter mir ein zähflüssiger Boden.
Hinter mir gähnende Leere.
Vor mir endlich ein Laufband. Das natürlich abgestellt war.

Endlich erreichte ich den Ausgang.
Mein Schrittzähler zählte 2500 Schritte allein im Flughafen.
Mein Plan: Kaffee. Hinsetzen. Überleben.

Jedes Cafe war Geschlossen.
Stühle auf den Tischen.
Zivilisation beendet.

Draussen, so wusste ich, gibt es Bänke.
Die können sie schlecht stapeln.

Und dann – wie in einem kitschigen Heimatfilm – kam mir Brummbär mit erhobenen Armen entgegen.
Er eröffnete das Wiedersehen mit:

„Wo warst du? Ich renne seit 20 Minuten durch den Flughafen und suche dich!“

Ich hatte in der Zwischenzeit mein Smartphone ausgeschaltet.
Natürlich.
Warum auch immer.

Doch nach meiner Schilderung wandelte sich der Vorwurfsmodus sofort in Mitgefühl, Umarmung, Willkommen zuhause.

Und so stand ich da.
Leicht erschöpft.
Leicht dramatisiert.
Aber lebendig.

Teneriffa hat mich wieder.
Und ich habe den Flughafen Süd bezwungen.

Knapp. 😌✈️

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